In der Zwischenzeit
Freitag, 5. September 2008
Wo ein Zentrum entsteht, wird auch eine Peripherie geschaffen. In dem gleichen Maße, wie sich der Warenverkehr in Einkaufszentren intensiviert, wird der sie umgebende Raum brachgelegt. Ganze Straßenzüge veröden und liegen zwecklos da. Doch sobald sich der Blick vom Blendlicht des Kommerz abwendet, lässt sich in diesem scheinbaren Nichts einiges erblicken. Der freie Platz bezeichnet die Möglichkeit dessen, was in Bezug auf die Wirklichkeit fehlt. Leere Läden und Industrieruinen sind zugleich Spuren der Vergangenheit und Vorzeichen eines Abseits vom Markt. So werden sie öfters von so genannten Zwischennutzern zu unklaren Zwecken umfunktioniert. Räumlichkeiten, die zeitweilig von den Klauen des Tauschwertes befreit sind, gewinnen dadurch eine ästhetische Ambivalenz. In einem minimalistischen Dekor entwickelt sich ein undurchschaubares Soziotop, das mehr Vielfalt in sich birgt als die berechenbare Eintönigkeit des Warenflusses.
Die Brache ist nicht nur Zwischenraum, sondern vorerst Zwischenzeit. Ursprünglich hieß das Wort: "Ruhezeit in der Dreifelderwirtschaft". So gesehen ist die Brache auch eine räumliche Metapher der neuen Arbeitswelt. Knotenpunkte der intensiven Ausbeutung lassen immer mehr Menschen brachliegen. Die Wiederherstellung der Vollbeschäftigung ist so realistisch und wünschenswert wie die Vorstellung, sämtliche leere Häuser könnten in Einkaufszentren umgewandelt werden. Wir wissen aber, dass die Brache einen notwendigen Schutz gegen Übernutzung und Monokultur bietet. Nimmt sie ab, dann verkrustet die Oberfläche und verarmt der Boden. Der Notwendigkeit, wilde Gewächsflächen bestehen zu lassen, entspricht die, außerhalb von Marktzwängen denken und handeln zu können. Es muss Momente des Aufatmens, der Ruhe und der Ziellosigkeit geben, sowohl in der persönlichen Biografie als auch in der städtischen Organisation. Die Paradoxie hatte schon Georges Bataille erläutert: Auch das Unnütze ist nützlich. Peripherie und Zentrum hängen von der Betrachtungsweise ab. Begreift sich selbst die Peripherie als Hauptschauplatz des Möglichen, dann hört sie auf, peripher zu sein. Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als alle Supermärkte der Welt jemals anbieten werden.
Aus GUILLAUME PAOLI: „DEMOTIVATIONSTRAINING. ANEKDOTE ZUR SENKUNG DES WIRTSCHAFTSOPTIMISMUS“. In: Open House. Kunst und Öffentlichkeit / Art and the Public Sphere, o.k books 3/04, Wien, Bozen: Folio 2004
Die Brache ist nicht nur Zwischenraum, sondern vorerst Zwischenzeit. Ursprünglich hieß das Wort: "Ruhezeit in der Dreifelderwirtschaft". So gesehen ist die Brache auch eine räumliche Metapher der neuen Arbeitswelt. Knotenpunkte der intensiven Ausbeutung lassen immer mehr Menschen brachliegen. Die Wiederherstellung der Vollbeschäftigung ist so realistisch und wünschenswert wie die Vorstellung, sämtliche leere Häuser könnten in Einkaufszentren umgewandelt werden. Wir wissen aber, dass die Brache einen notwendigen Schutz gegen Übernutzung und Monokultur bietet. Nimmt sie ab, dann verkrustet die Oberfläche und verarmt der Boden. Der Notwendigkeit, wilde Gewächsflächen bestehen zu lassen, entspricht die, außerhalb von Marktzwängen denken und handeln zu können. Es muss Momente des Aufatmens, der Ruhe und der Ziellosigkeit geben, sowohl in der persönlichen Biografie als auch in der städtischen Organisation. Die Paradoxie hatte schon Georges Bataille erläutert: Auch das Unnütze ist nützlich. Peripherie und Zentrum hängen von der Betrachtungsweise ab. Begreift sich selbst die Peripherie als Hauptschauplatz des Möglichen, dann hört sie auf, peripher zu sein. Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als alle Supermärkte der Welt jemals anbieten werden.
Aus GUILLAUME PAOLI: „DEMOTIVATIONSTRAINING. ANEKDOTE ZUR SENKUNG DES WIRTSCHAFTSOPTIMISMUS“. In: Open House. Kunst und Öffentlichkeit / Art and the Public Sphere, o.k books 3/04, Wien, Bozen: Folio 2004
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